„Sand! Nichts als Sand!“, sagte Victor, das Vikunja.
„Was sonst?“, fragte Driss, das einheimische Dromedar, das ihre fünfköpfige Reisegruppe anführte, rhetorisch. Sie waren schließlich in der Weißen Wüste.
Doch ganz stimmte das nicht. Neben dem Sand müsste auch noch Laura, die Lamadame, auf deren Drängen sich Vic überhaupt auf diese Reise eingelassen hatte, zu finden sein.
Aber sie musste ja unbedingt mit Alejandro, einem arroganten Alpaka, kichernd wie ein verliebter Teenager, durch die Gegend rennen.
„Dabei hat sie nicht mal ordentliche Höcker!“, sagte Travis mit unverkennbar australischem Dialekt zu Victor. Nicht nur bei den Gefühlen anderer war Travis ein richtiges Trampeltier. Vic war merklich eifersüchtig.
„Chauvi!“, sagte Tülay und erntete dafür einen Blick auf ihre wohlgeformten Höcker.
„Afrika ist doch wirklich nichts für uns!“, hatte Vic zu Laura gesagt, als sie noch in ihrer Heimat waren, doch sie entgegnete nur, dass sie auf seine ewigen Ausflüchte spucken würde. Also mischten Sie sich unter das Fischmehl des nächst besten Frachtschiffes und begaben sich auf die Reise. Es war nicht das erste Mal, das sie gemeinsam bei Camel-Tours gebucht hatten.
Guadalupe, eine mitgereiste junge Guanako, die einen kleinen Kalksteinpilz gewählt hatte, um nach den beiden Ausschau zu halten, rief den Suchenden plötzlich verächtlich zu: „Hier sind die zwei Schwielensohler!“, und die beiden Gesuchten kamen ihnen Huf in Huf entgegen geschlendert. Guadalupe konnte sie von ihrer Art her einfach nicht leiden.
„Typisch Pacos!“, murmelte sie, als sie wieder zur Gruppe hinzu stieß. Sie benahmen sich so scheußlich menschlich.
„Neuweltkamele!“, sagte Travis treffend.
„Ja! Neuweltkamele!“ käute Driss wieder, obgleich er gar kein Wiederkäuer war, und sie setzten die Tour im Passgang fort.
Nur Vic suchte mit seinen Boots das Weite. Laura war einfach nicht seine Gattung.
Samstag, 20. September 2008
Mittwoch, 17. September 2008
Fremder Quark
Fremden Quark rührt man nicht an.
Bezeichnenderweise fiel mir das ein, als ich gestern meinen Quark zu Mittag anrührte. Nicht unsittlich, mehr cremig. Nochzudem kein fremder, sondern definitiv meiner. Metaphorisch ist dieser mehrdeutige Sinnspruch jedoch auch nicht zu verachten, denn weshalb sollte man den sprichwörtlich Kund getanen Unsinn eines anderen auch anrühren. Unsinn wird nicht besser, wenn man sich mit ihm beschäftigt.
In diesem Sinne: Buon appetito! Oder auch gerade nicht ;-)
Bezeichnenderweise fiel mir das ein, als ich gestern meinen Quark zu Mittag anrührte. Nicht unsittlich, mehr cremig. Nochzudem kein fremder, sondern definitiv meiner. Metaphorisch ist dieser mehrdeutige Sinnspruch jedoch auch nicht zu verachten, denn weshalb sollte man den sprichwörtlich Kund getanen Unsinn eines anderen auch anrühren. Unsinn wird nicht besser, wenn man sich mit ihm beschäftigt.
In diesem Sinne: Buon appetito! Oder auch gerade nicht ;-)
Samstag, 13. September 2008
Ein Job für Zander
„Sag mal, was ist denn mit Zander los? Er stand heute Morgen ganz schön unter Strom“, sagte Batilda und schwamm, an einem Zangen putzenden Flusskrebs vorbei, ins dichte Flussgras hinein. Batilda war eine Barbe. Zander dahingegen kein Zander, sondern ein Zitteraal, was erklärt, weshalb er ab und an unter Strom stand. Stanislava, die angesprochen wurde, chillte gerade auf einem Stein. Sie war ein Steinschill und mochte Zander nicht nur seines Names wegen. Der Flusskrebs, dessen Namen keiner kannte, putzte weiter seine Zangen. Er sprach ja auch kein fischisch.
„Du kennst doch seine Probleme“, sagte Stanislava, und natürlich waren sie Batilda bekannt. Man hatte ihn hier im Fluss ausgesetzt, als er noch ein kleiner unerfahrener Neuwelt-Messerfisch war. Auch jetzt war er noch feucht hinter den Ohren, doch zumindest die Umstellung von Salz auf Süßwasser hatte er gut gemeistert. Seit Monaten war er erfolglos auf Jobsuche. Ein Ex-Salzi, der nicht mal trocken war, galt als schwer vermittelbar.
„Ein arbeitsloser Zitteraal in einem Strom? Wo gibt’s denn das?“, witzelten alle stets ob der Zweideutigkeit.
Kouhei, ein riesiger japanischer Koi, der ebenfalls im Fluss lebte und in Flusskiesel machte, wusste natürlich, von was sie sprachen. Eine Aufgabe zu haben, war das wohl Wichtigste im Leben eines Fisches. Doch auch er hatte keine Erklärung für Zanders Verhalten des Morgens.
Dann kam Eike hinzu. Da Kouhei sehr eitel war und gerne mit seiner Bildung protzte, begrüßte er den kleinen Eike mit: „Glüß dich, Knilps!“, und das freute Eike, den Eitel, denn er war ein Knilps. Er war erst vor kurzem aus dem unteren Neckar hierher geschwommen und freute sich über die Aufmerksamkeit.
Doch hatte er auch Neuigkeiten. Zander habe jetzt endlich einen Job gefunden. Er verbiete jetzt die Benutzung des Betriebswegs der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes.
„Er hatte sich gestern erst beworben, und mit einem Schlag war er genommen!“, blubberte Eike den anderen begeistert entgegen.
Alle freuten sich sehr und schwammen wieder ihrer Wasserwege. Nur Stanislava chillte weiter auf ihrem Stein, und der Flusskrebs putzte weiter seine Scheren. Das war ihm eh zu banal. Er war ein höherer Flußkrebs.
„Du kennst doch seine Probleme“, sagte Stanislava, und natürlich waren sie Batilda bekannt. Man hatte ihn hier im Fluss ausgesetzt, als er noch ein kleiner unerfahrener Neuwelt-Messerfisch war. Auch jetzt war er noch feucht hinter den Ohren, doch zumindest die Umstellung von Salz auf Süßwasser hatte er gut gemeistert. Seit Monaten war er erfolglos auf Jobsuche. Ein Ex-Salzi, der nicht mal trocken war, galt als schwer vermittelbar.
„Ein arbeitsloser Zitteraal in einem Strom? Wo gibt’s denn das?“, witzelten alle stets ob der Zweideutigkeit.
Kouhei, ein riesiger japanischer Koi, der ebenfalls im Fluss lebte und in Flusskiesel machte, wusste natürlich, von was sie sprachen. Eine Aufgabe zu haben, war das wohl Wichtigste im Leben eines Fisches. Doch auch er hatte keine Erklärung für Zanders Verhalten des Morgens.
Dann kam Eike hinzu. Da Kouhei sehr eitel war und gerne mit seiner Bildung protzte, begrüßte er den kleinen Eike mit: „Glüß dich, Knilps!“, und das freute Eike, den Eitel, denn er war ein Knilps. Er war erst vor kurzem aus dem unteren Neckar hierher geschwommen und freute sich über die Aufmerksamkeit.
Doch hatte er auch Neuigkeiten. Zander habe jetzt endlich einen Job gefunden. Er verbiete jetzt die Benutzung des Betriebswegs der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes.
„Er hatte sich gestern erst beworben, und mit einem Schlag war er genommen!“, blubberte Eike den anderen begeistert entgegen.
Alle freuten sich sehr und schwammen wieder ihrer Wasserwege. Nur Stanislava chillte weiter auf ihrem Stein, und der Flusskrebs putzte weiter seine Scheren. Das war ihm eh zu banal. Er war ein höherer Flußkrebs.
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Kurzprosaecke
Samstag, 30. August 2008
Gespensterspiele
„Oh, Mama!“, sagte Michael, der ungeduldig schon in der Tür stand.
„Jetzt halt still!“
Sie wischte ihm die letzten Reste des Mittagessens aus den Mundwinkeln und wuschelte ihm zum Abschied durch die Haare.
„Aber wenn die Laternen angehen, bist du wieder zuhause!“, rief ihm seine Mutter hinterher.
Michael hob die Hand und rannte weiter. Am Ende der Straße schwenkte er in die Hofeinfahrt von Andis Elternhaus.
„Ist Andi schon mit den Hausaufgaben fertig?“
„Hallo, Micha. Warte! Ich rufe ihn“, sagte seine Mutter. „Andi! Micha ist da!“
Sie wandte sich wieder zu ihm.
„Wo wollt ihr denn hin?“
„Zur Burg, Frau Bendrup! Dennis, Max und Maike kommen auch mit.“
„Na, dann viel Spaß. Als wir Kinder waren, spielten wir auch oft in den Ruinen.“
Hastig rannte Andi an ihr vorbei und rief: „Tschüs, Mama!“.
Er versteckte eine große Tüte unter dem Arm.
„Hey, junger Mann, du bist aber …“
„Ja, ja. Zum Abendessen wieder da.“
Micha zuckte mit den Schultern und verabschiedete sich von Andis Mutter, die kopfschüttelnd am Türrahmen lehnte.
„Warte auf mich, Andi! Ich komme!“
Ein paar Straßen weiter erreichten sie den Ortsrand. Andi und Micha stützten sich auf ihre Knie und atmeten schwer. Ihr Treffpunkt, die Holzbank am Waldrand, war schon in Sicht.
„Hast du sie bekommen?“, fragte Micha, und Andi holte grinsend fünf weiße Bettlaken hervor.
Als sie die Bank erreicht hatten, begannen sie mit ihren Taschenmessern zwei Löcher in jedes Laken zu schneiden.
„Hey, ihr seid mit den Gespensterkostümen ja schon fast fertig!“ Es war Max’ Stimme, der gerade mit seiner Schwester den Feldweg entlang kam.
„Hi, Jungs!“, sagte Maike, und die beiden Freunde grüßten sie zurück.
„Wo ist denn Dennis?“, fragte Andi „Wolltet ihr den nicht abholen?“
„Er und sein Bruder Tommy saßen noch bei den Hausaufgaben. Er kommt aber nach.“
„OK, dann lassen wir seine Verkleidung einfach hier.“ Er stand auf, reichte jedem ein Laken und warf eines über die Rückenlehne der Bank. „Er muss ja ohnehin hier vorbei.“
„Wartet! Ich lege es noch schnell zusammen“, sagte Meike, während die Jungs noch damit beschäftigt waren, die Augenlöcher der übergestreiften Laken in die richtige Position zu bekommen. „So, wir können!“ Und schon rannten die vier Gespenster durch den Wald zur Burgruine.
Nach ein paar Minuten erreichten sie die Burg, stürmten hinein und heulten dabei so, wie es Gespenster nun einmal machen.
„Kommt! Wir spielen Verstecken!“, sagte Maike. „Ich fange an!“
Während Maike an einer der Wehrmauern stand und zählte, versteckten sich die drei Jungs in den verfallenen Gebäuden der Burgruine. Die meisten Häuser hatten nicht einmal mehr ein Dach. Bei manchen waren sogar die Außenmauern nicht mehr vollständig.
„98, 99, 100. Ich komme!“, rief Maike. „Hey, Dennis, da bist Du ja!“, sagte sie, als das fünfte Gespenst auftauchte. „Los! Such mit!“.
Sie schauten im Bergfried nach, suchten in den Stallungen und im Wachhaus, bis sie alle gefunden hatten.
„Du bist dran!“, rief Andi, schlug Dennis auf die Schulter und die Gespenster versteckten sich erneut. Sie spielten den ganzen Nachmittag in einem fort. Dennis, Andi, Max, Maike und Micha; jeder versteckte sich viele Male.
Danach spielten sie Fangen, rannten lachend durch die steinernen Skelette der Burggebäude und machten den Burghof so lebendig, wie er vielleicht vor Jahrhunderten zuletzt war. Sie spielten Fechtduelle mit Ästen nach, verteidigten ihre Burg vor Raubrittern und rannten, weiterhin völlig unbekümmert, heulend durch den Burggraben. Dabei jagten sie eine Hexe, die sich in einen Raben verwandelt hatte, und rauften miteinander, bis ihre Laken voller Lehm- und Grasflecken waren. Leider vergaßen sie dabei völlig die Zeit.
„Mist!“, sagte Micha. „Es ist schon fast sechs.“
„Oh, nein! Meine Mutter gibt mir Hausarrest, wenn ich wieder zu spät komme. Nicht so kurz vor den Herbstferien“, sagte Andi.
„Dann nix wie los!“, sagte Max, und sie rannten durch das Burgtor zurück in den Wald.
„Das hat Riesenspaß gemacht!“, sagte Micha, als er zu Andi aufgeschlossen hatte, der nicht langsamer wurde.
„Ja, lasst uns morgen wieder hingehen!“, sagte Maike und begann ihr Gespensterheulen. Die anderen stimmten mit ein und so erreichten sie wieder den Waldrand.
„Wartet mal! Anhalten!“, rief Micha und deutete auf die Holzbank.
„Wie kann das denn sein?“, sagte Andi.
Max und Maike stellten sich neben sie und nahmen ihre Laken ab. Sie starrten auf die Bank und auf das Laken, dass - unberührt und weiß - noch immer so lag, wie es Maike hingelegt hatte. Sie drehten sich um, doch vom fünften Gespenst fehlte jede Spur.
„Tut mir leid. Meine Mutter wollte, dass ich noch Mathe lerne“, sagte Dennis, der gerade vom Dorf hoch kam. „Wollen wir wenigstens noch Playstation bei mir spielen?“ Dennis nahm seine Brille ab und kratzte sich am Hinterkopf. „Hey, was ist denn los? Tommy hat euch doch Bescheid geben, dass ich es nicht schaffte. Oder habt ihr etwa ein Gespenst gesehen?“
Doch seine vier bleichen Freunde sagten kein Wort.
„Jetzt halt still!“
Sie wischte ihm die letzten Reste des Mittagessens aus den Mundwinkeln und wuschelte ihm zum Abschied durch die Haare.
„Aber wenn die Laternen angehen, bist du wieder zuhause!“, rief ihm seine Mutter hinterher.
Michael hob die Hand und rannte weiter. Am Ende der Straße schwenkte er in die Hofeinfahrt von Andis Elternhaus.
„Ist Andi schon mit den Hausaufgaben fertig?“
„Hallo, Micha. Warte! Ich rufe ihn“, sagte seine Mutter. „Andi! Micha ist da!“
Sie wandte sich wieder zu ihm.
„Wo wollt ihr denn hin?“
„Zur Burg, Frau Bendrup! Dennis, Max und Maike kommen auch mit.“
„Na, dann viel Spaß. Als wir Kinder waren, spielten wir auch oft in den Ruinen.“
Hastig rannte Andi an ihr vorbei und rief: „Tschüs, Mama!“.
Er versteckte eine große Tüte unter dem Arm.
„Hey, junger Mann, du bist aber …“
„Ja, ja. Zum Abendessen wieder da.“
Micha zuckte mit den Schultern und verabschiedete sich von Andis Mutter, die kopfschüttelnd am Türrahmen lehnte.
„Warte auf mich, Andi! Ich komme!“
Ein paar Straßen weiter erreichten sie den Ortsrand. Andi und Micha stützten sich auf ihre Knie und atmeten schwer. Ihr Treffpunkt, die Holzbank am Waldrand, war schon in Sicht.
„Hast du sie bekommen?“, fragte Micha, und Andi holte grinsend fünf weiße Bettlaken hervor.
Als sie die Bank erreicht hatten, begannen sie mit ihren Taschenmessern zwei Löcher in jedes Laken zu schneiden.
„Hey, ihr seid mit den Gespensterkostümen ja schon fast fertig!“ Es war Max’ Stimme, der gerade mit seiner Schwester den Feldweg entlang kam.
„Hi, Jungs!“, sagte Maike, und die beiden Freunde grüßten sie zurück.
„Wo ist denn Dennis?“, fragte Andi „Wolltet ihr den nicht abholen?“
„Er und sein Bruder Tommy saßen noch bei den Hausaufgaben. Er kommt aber nach.“
„OK, dann lassen wir seine Verkleidung einfach hier.“ Er stand auf, reichte jedem ein Laken und warf eines über die Rückenlehne der Bank. „Er muss ja ohnehin hier vorbei.“
„Wartet! Ich lege es noch schnell zusammen“, sagte Meike, während die Jungs noch damit beschäftigt waren, die Augenlöcher der übergestreiften Laken in die richtige Position zu bekommen. „So, wir können!“ Und schon rannten die vier Gespenster durch den Wald zur Burgruine.
Nach ein paar Minuten erreichten sie die Burg, stürmten hinein und heulten dabei so, wie es Gespenster nun einmal machen.
„Kommt! Wir spielen Verstecken!“, sagte Maike. „Ich fange an!“
Während Maike an einer der Wehrmauern stand und zählte, versteckten sich die drei Jungs in den verfallenen Gebäuden der Burgruine. Die meisten Häuser hatten nicht einmal mehr ein Dach. Bei manchen waren sogar die Außenmauern nicht mehr vollständig.
„98, 99, 100. Ich komme!“, rief Maike. „Hey, Dennis, da bist Du ja!“, sagte sie, als das fünfte Gespenst auftauchte. „Los! Such mit!“.
Sie schauten im Bergfried nach, suchten in den Stallungen und im Wachhaus, bis sie alle gefunden hatten.
„Du bist dran!“, rief Andi, schlug Dennis auf die Schulter und die Gespenster versteckten sich erneut. Sie spielten den ganzen Nachmittag in einem fort. Dennis, Andi, Max, Maike und Micha; jeder versteckte sich viele Male.
Danach spielten sie Fangen, rannten lachend durch die steinernen Skelette der Burggebäude und machten den Burghof so lebendig, wie er vielleicht vor Jahrhunderten zuletzt war. Sie spielten Fechtduelle mit Ästen nach, verteidigten ihre Burg vor Raubrittern und rannten, weiterhin völlig unbekümmert, heulend durch den Burggraben. Dabei jagten sie eine Hexe, die sich in einen Raben verwandelt hatte, und rauften miteinander, bis ihre Laken voller Lehm- und Grasflecken waren. Leider vergaßen sie dabei völlig die Zeit.
„Mist!“, sagte Micha. „Es ist schon fast sechs.“
„Oh, nein! Meine Mutter gibt mir Hausarrest, wenn ich wieder zu spät komme. Nicht so kurz vor den Herbstferien“, sagte Andi.
„Dann nix wie los!“, sagte Max, und sie rannten durch das Burgtor zurück in den Wald.
„Das hat Riesenspaß gemacht!“, sagte Micha, als er zu Andi aufgeschlossen hatte, der nicht langsamer wurde.
„Ja, lasst uns morgen wieder hingehen!“, sagte Maike und begann ihr Gespensterheulen. Die anderen stimmten mit ein und so erreichten sie wieder den Waldrand.
„Wartet mal! Anhalten!“, rief Micha und deutete auf die Holzbank.
„Wie kann das denn sein?“, sagte Andi.
Max und Maike stellten sich neben sie und nahmen ihre Laken ab. Sie starrten auf die Bank und auf das Laken, dass - unberührt und weiß - noch immer so lag, wie es Maike hingelegt hatte. Sie drehten sich um, doch vom fünften Gespenst fehlte jede Spur.
„Tut mir leid. Meine Mutter wollte, dass ich noch Mathe lerne“, sagte Dennis, der gerade vom Dorf hoch kam. „Wollen wir wenigstens noch Playstation bei mir spielen?“ Dennis nahm seine Brille ab und kratzte sich am Hinterkopf. „Hey, was ist denn los? Tommy hat euch doch Bescheid geben, dass ich es nicht schaffte. Oder habt ihr etwa ein Gespenst gesehen?“
Doch seine vier bleichen Freunde sagten kein Wort.
Dienstag, 26. August 2008
Integration
Wir gingen zusammen spazieren. So wie wir es regelmäßig taten. Der Tag lud dazu ein. Vielleicht der letzte Tag in diesem Jahr bei warmen Wetter. Der Sommer bäumte sich nach Tagen der Kälte ein letztes Mal auf. Die 20 Grad-Marke wurde nach langem mal wieder geknackt. Und das merkte man. Überall entlang der Weser genossen Spaziergänger den angenehmen Sonntagnachmittag. Man hörte Kinder lachen, sah verliebte Paare sich einander auf den Bänken herzen, und alles fühlte sich mehr nach Frühling, denn nach Herbst an. Nur mein Kumpel war von einer kaum zu bessernden Laune.
„Ich fühle mich einfach nicht mehr wohl hier“, sagte er und gab sich beim Sprechen jedes Lippenlautes solche Mühe, dass man sie fast vernehmen konnte.
„Na, ja“, sagte ich, „nun sieh doch nicht alles so dramatisch. Du hast dich doch gut eingelebt.“
Klar hatte er sich gut eingelebt, doch ich konnte sein Problem nachvollziehen. Seit er vor einigen Jahren von Australien hierher gekommen war, gab er sich alle Mühe, doch seine sprachlichen Besonderheiten wurde er nie los.
„Weist du, Andy“, sagte er zu mir, „ich ecke immer an, sobald ich zu sprechen beginne.“
„Hey, das ist doch wirklich kein Problem“, sagte ich ihm, „man versteht dich doch und du bist bemüht. Keiner lehnt dich doch deswegen ab.“
Ich versuchte ihm Beispiele zu geben, wie sehr er doch einer von uns ist.
„Schau mal“, sagte ich. „Im Fußballverein hängst du beim Sprint alle ab und wie oft ließen wir dich hochleben, wenn du wieder mal einen Elfer verwandelt hast, und der Torwart den Ball nicht mal kommen sah?“
Er schaute mich an und nickte mir mit den Augen zu. Wie erwartet kam er dann auf das Frauenproblem zu sprechen. Das tat er immer, wenn er merkte, meine Argumente waren nicht umzustoßen.
„Klar“, sagte ich ihm, „hast du es ein wenig schwerer. Doch wenn dich jemand liebt, sind Äußerlichkeiten doch zweitrangig. Du bist der großherzigste Typ, den ich kenne. Und Du kannst mir doch nicht erzählen, dass du in Oz nicht Hahn im Korb warst.“ Ich knuffte ihm mit meinem Ellenbogen.
Er lächelte zwar sein unnachahmliches Lächeln, doch ich merkte, dass ich nicht mehr so richtig an ihn ran kam. Wenn er es könnte, sagte er, würde er einfach wieder nach Australien fliegen.
Dann begann er, mir von Down Under vorzuschwärmen, so wie er es noch nie getan hatte. Ayers Rock, die herrliche Stille der Großen Sandwüste, die wundervollen Regenwälder von Queensland. Ich muss zugeben, dass mich das immer etwas neidisch machte, aber auch ratlos, weshalb man aus einem so schönen Land ausreist. Und dieses Mal musste ich ihn einfach fragen.
„Ich hatte eine Brieffreundin hier“, sagte er. „Sie lebte auf einer Farm bei Essen. Wir wollten zusammen leben, doch als ich dann nach Deutschland gekommen war, fehlte jede Spur von ihr. Auch ihre Mitbewohner konnten es sich nicht erklären. So bin ich letztlich hier gestrandet.“
Wir redeten noch eine Weile über sie, doch auch ich konnte mir keinen Reim daraus machen.
Dann kam da diese Baustelle und hätte ich gewusst, was uns erwartete, hätte ich lieber den langen Weg zurück gewählt.
Wir kamen also an dieser Baustelle an und konnten unseren gewohnten Weg an der Weser entlang nicht mehr fortsetzen. Also mussten wir ein Stück zurück und unterhalb des Weges weiterlaufen. Doch auch da ging es nicht weiter, da ein Bauzaun auch den Parallelweg versperrte. Wir standen also so rum und sprachen darüber, ob wir umkehren oder einfach versuchen sollten die Baustelle zu umgehen, als mein Blick auf dieses Schild viel. Ich versuchte, ihn davon abzulenken und sagte: „Komm lass uns die Baustelle umrunden.“, während ich bereit die ersten Schritte des Trampelpfades neben der Baustelle ging. Doch durch irgendetwas hatte ich mich verdächtig gemacht. Er nickte ein-, zweimal mit seinen Augen und schaute schließlich zurück zur Baustelle. Er entdeckte es. Und dann kam, was ich vermeiden wollte. Unüberlegte Dumme-Jungen-Streiche.
„Wenn ich nur fliegen könnte, wäre ich weg“, sagte er und pickte gegen das Schild, bevor er den Trampelpfad davon stampfte.
Armer Kerl, dachte ich und eilte mich, ihn einzuholen.
„Ich fühle mich einfach nicht mehr wohl hier“, sagte er und gab sich beim Sprechen jedes Lippenlautes solche Mühe, dass man sie fast vernehmen konnte.
„Na, ja“, sagte ich, „nun sieh doch nicht alles so dramatisch. Du hast dich doch gut eingelebt.“
Klar hatte er sich gut eingelebt, doch ich konnte sein Problem nachvollziehen. Seit er vor einigen Jahren von Australien hierher gekommen war, gab er sich alle Mühe, doch seine sprachlichen Besonderheiten wurde er nie los.
„Weist du, Andy“, sagte er zu mir, „ich ecke immer an, sobald ich zu sprechen beginne.“
„Hey, das ist doch wirklich kein Problem“, sagte ich ihm, „man versteht dich doch und du bist bemüht. Keiner lehnt dich doch deswegen ab.“
Ich versuchte ihm Beispiele zu geben, wie sehr er doch einer von uns ist.
„Schau mal“, sagte ich. „Im Fußballverein hängst du beim Sprint alle ab und wie oft ließen wir dich hochleben, wenn du wieder mal einen Elfer verwandelt hast, und der Torwart den Ball nicht mal kommen sah?“
Er schaute mich an und nickte mir mit den Augen zu. Wie erwartet kam er dann auf das Frauenproblem zu sprechen. Das tat er immer, wenn er merkte, meine Argumente waren nicht umzustoßen.
„Klar“, sagte ich ihm, „hast du es ein wenig schwerer. Doch wenn dich jemand liebt, sind Äußerlichkeiten doch zweitrangig. Du bist der großherzigste Typ, den ich kenne. Und Du kannst mir doch nicht erzählen, dass du in Oz nicht Hahn im Korb warst.“ Ich knuffte ihm mit meinem Ellenbogen.
Er lächelte zwar sein unnachahmliches Lächeln, doch ich merkte, dass ich nicht mehr so richtig an ihn ran kam. Wenn er es könnte, sagte er, würde er einfach wieder nach Australien fliegen.
Dann begann er, mir von Down Under vorzuschwärmen, so wie er es noch nie getan hatte. Ayers Rock, die herrliche Stille der Großen Sandwüste, die wundervollen Regenwälder von Queensland. Ich muss zugeben, dass mich das immer etwas neidisch machte, aber auch ratlos, weshalb man aus einem so schönen Land ausreist. Und dieses Mal musste ich ihn einfach fragen.
„Ich hatte eine Brieffreundin hier“, sagte er. „Sie lebte auf einer Farm bei Essen. Wir wollten zusammen leben, doch als ich dann nach Deutschland gekommen war, fehlte jede Spur von ihr. Auch ihre Mitbewohner konnten es sich nicht erklären. So bin ich letztlich hier gestrandet.“
Wir redeten noch eine Weile über sie, doch auch ich konnte mir keinen Reim daraus machen.
Dann kam da diese Baustelle und hätte ich gewusst, was uns erwartete, hätte ich lieber den langen Weg zurück gewählt.
Wir kamen also an dieser Baustelle an und konnten unseren gewohnten Weg an der Weser entlang nicht mehr fortsetzen. Also mussten wir ein Stück zurück und unterhalb des Weges weiterlaufen. Doch auch da ging es nicht weiter, da ein Bauzaun auch den Parallelweg versperrte. Wir standen also so rum und sprachen darüber, ob wir umkehren oder einfach versuchen sollten die Baustelle zu umgehen, als mein Blick auf dieses Schild viel. Ich versuchte, ihn davon abzulenken und sagte: „Komm lass uns die Baustelle umrunden.“, während ich bereit die ersten Schritte des Trampelpfades neben der Baustelle ging. Doch durch irgendetwas hatte ich mich verdächtig gemacht. Er nickte ein-, zweimal mit seinen Augen und schaute schließlich zurück zur Baustelle. Er entdeckte es. Und dann kam, was ich vermeiden wollte. Unüberlegte Dumme-Jungen-Streiche.
„Wenn ich nur fliegen könnte, wäre ich weg“, sagte er und pickte gegen das Schild, bevor er den Trampelpfad davon stampfte.
Armer Kerl, dachte ich und eilte mich, ihn einzuholen.
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